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Puppenspiele

Von Keldric am 30. Dezember 2015

Wildermark

Prolog

Im Praios 1032 BF
Lucardus lehnte sich faul gegen den Stamm des knorrigen Baums und sah Frankwart Ebersin und Kuno Perting beim Graben zu. Nach einer halben Stunde fleißigen Tuns, warfen seine beiden Landsmänner die Schaufeln beiseite. „Herr, ich glaub‘, wir ham da was.“ Lucardus sprang neugierig auf und eilte zu ihnen. Wie es Gilborns in Erinnerung hatte, war dort die Geldkassette vergraben. Hoffentlich war der Söldner sparsam gewesen. „Worauf wartet ihr? Brecht es auf!“
Einer zweiten Einladung bedurfte es nicht. Zwei kräftige Hiebe mit dem Spaten später, blickten die drei auf Gilborns Schatz. Grob überschlagen dürfte es ein paar Hundert Dukaten sein – enttäuschend. Lucardus hatte sich mehr erhofft. Er brauchte mehr.

Frankwart und Kuno jedoch starrten ungläubig auf den Schatz. Lucardus nahm an, dass seine Gefolgsmänner nie zuvor so viele Dukaten auf einem Haufen gesehen hatten. Natürlich war ihnen bewusst gewesen, was sie für ihn ausheben sollten, er hatte ihnen gegenüber keinen Hehl daraus gemacht. Aber der Anblick von so viel Gold hatte ihnen die Sprache verschlagen. Lucardus beobachtete sie aufmerksam. Jetzt würde sich herausstellen, ob er ihnen tatsächlich vertrauen konnte oder ob sie versuchen würden, sich seiner zu entledigen. Ein Grund, warum er sie hierher mitgenommen hatte. Lucardus konnte keinen falschen Absichten an ihren Gesichtern ablesen, er hatte sich nicht in ihnen getäuscht. Oder – wenn auch sehr unwahrscheinlich – er lag falsch.
Lucardus lachte zufrieden auf und begann an Ort und Stelle die Münzen zu zählen und kleine Häufchen zu bilden. Er schob Frankwart und Kuno jeweils ein abgezähltes Häuflein zu. „Das ist für euch.“ Die restlichen Dukaten würde er – abzüglich einer kleinen Bearbeitungsgebühr für seine Mühen – widerstrebend an seine Mitstreiter auszahlen. Wäre er doch nur nicht so dumm gewesen, die Information um Gilborns Schatz mit den anderen zu teilen. „Was hat mich da nur geritten? Sei es drum. Halten wir sie uns mit diesem Kleingeld gewogen.“
„Wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Wir brechen auf.“

Schüler und Meister

Die Baernfarnebene erstreckte sich soweit sie blicken konnte. In der Ferne erhob sich das gigantische Bergplateau, auf dem ihr heutiges Tagesziel erbaut worden war: Gallys. Die steilen Felsklippen boten der Stadt eine einmalige Verteidigungssituation, mit Leitern oder Belagerungstürmen war hier wenig auszurichten. Die Klippen erschwerten jedoch auch – sehr zu Lucardus Missfallen – den Aufstieg. Die kleine Gruppe um den Magier folgte weiter dem Pfad, der sich in Serpentinen den Berg hinauf schlängelte. Als die letzte Serpentine genommen war, sah er ihn, den kolossalen Golem, der vor dem geborstenen Tor der Stadt Wache hielt. Dies war tatsächlich ein Kunstwerk, genau wie es Yolandes Brief verhießen hatte. Morgen würde er zu dem Anwesen nahe der Stadt aufbrechen, für heute sehnte er sich nur noch nach einem warmen Mahl und ein weiches Bett.

Yolandes Heim, das früher wie Lucardus vermutet einmal ein Bauernhof gewesen sein dürfte, lag abseits der Stadt, ungestört von neugierigen Augen und unnötigen Fragen. Ein Luxus, den er sich zu seinem Bedauern nicht leisten konnte.
Der Hof war von Palisaden umzäunt. Viel interessanter für Lucardus waren die zwei Steingoleme, die zusammen eine Art Tor bildeten und ihm den Zutritt versperrten. Sie verharrten regungslos. Einen Torklopfer konnte er nicht erkennen, doch auf der Palisade zu seiner Linken sah er eine weitere Gestalt. Die steinerne Gargoyle fixierte ihn und folgte aufmerksam jeder seiner Bewegungen. „Meine Ankunft ist also nicht unbemerkt geblieben.“
Leben fuhr in die zwei Torgoleme, mit schwerfälligen Bewegungen traten sie zur Seite und gaben den Weg frei ins Innere, wo bereits ihre Meisterin stand, um ihren Gast zu begrüßen.
„Willkommen in meinem Heim, Herr von Dunkelstein. Wenn ihr mir ins Haupthaus folgen wollt, dort werden wir besprechen können, ob ich eurer Bitte folgen werde.“
Das Innere war ein einziger großer Ziergarten. Der Hochsommer hatte die Beete in ein Meer aus bunten Blüten verwandelt. Große Bäume boten vereinzelt Schatten. Penibel geschnittene Zierhecken säumten den Weg zu den einzelnen Gebäuden des ehemaligen Bauernhofs.
Yolande öffnete die Tür zum Haupthaus und geleitete ihn zu einem Salon. Sie bot ihm höflich einen Sessel an und setzt sich ihm gegenüber.
„Ich zwar muss gestehen, dass ihr durchaus mein Interesse mit eurem Brief geweckt habt, aber sagt mir, Herr von Dunkelstein, warum sollte ich meine Forschung mit euch teilen?“
„Von dem Wert der alten Manuskripte, die ich in dem Laboratorium unseres längst verstorbenen Kollegen aufgetan habe, könnt ihr euch in Auszügen selbst vergewissern. Ich habe sie dabei. Ich überlasse sie euch im Original, solltet ihr zustimmen euer Wissen mit mir zu teilen.“
Lucardus zog aus seiner Umhängetasche eine der vergilbten Seiten und reichte sie Yolande. „Lest. Ich werde warten.“ Minuten verstrichen ehe Yolande von dem Pergament wieder aufblickte. „Gut, gut. In der Tat vielversprechend. Wir werden uns sicher einig.“

3 Kommentare

  1. Kommentar von Keldric
    Am 23. Januar 2016

    Genesis

    Auf dem Hof von Yolande im Praios 1032 BF
    Lucardus hieb mit dem Klüpfel auf den Beitel und trieb ihn ins Holz. Span für Span befreite er die grobe Form aus dem Rohling. Er wischte die Späne beiseite und griff zum nächstkleineren Schnitzeisen. Mit jedem weiteren Stich und jedem weiteren Schnitt schälte er peu à peu eine menschenähnliche Gestalt aus dem Holz. Er legte seine Werkzeuge beiseite, um sein Werk zu begutachten. Er nickte zufrieden und ließ ab von der hölzernen Figur.

    Das Ritual musste vorbereitet werden. Er zeichnete mit der Beschwörungskreide ein mehrere Schritt großes Pentagramm auf den Boden der Werkstatt, an den Sternspitzen fügte er die komplizierten Symbole für die Herrin des wimmelnden Chaos ein. Anschließend bildete er um den Fünfsterns einen Kreis aus Kerzen. In Mitten des Beschwörungskreises stellte er den hölzernen Körper auf. Lucardus legte die Linke auf die Stirn und berührte mit der Rechten die Brust der leblosen Hülle. Er schloss seine Augen und versuchte, sich auf die vor ihm liegende Aufgabe zu konzentrierte sich. In unablässigen Singsang rezitierte die Formel, die Anrufung des vielfarbenen Erzdämons.
    Langsam ließ er die astrale Urgewalt durch seine Hände in Stirn und Brust des Rohlings fließen. Feine astrale Fäden knüpften sich, verwoben sich zu einem dichten Netz, die vollständig den leblosen Körper durchzog. Immer weiter trieben die astralen Linien, die sich in kleinste Verästelungen brachen. Plötzlich spürte er, wie etwas an seinem filigranen Netz riss, wie auf einmal alle Fäden vibrierten. Unkontrolliert schossen astrale Stränge aus den Nexus in Haupt und Herz des hölzernen Leibes. Wie mit einem Donnerschlag durchstießen die astralen Kräfte die diesseitige Sphäre und schlugen Wurzeln in niederhöllischen Tiefen. Die dämonische Essenz brach sich seine Bahnen in Lucardus geflochtenem Astralnetz und durchdrang jede Faser des hölzernen Leibes. Lucardus war als brächen zeitgleich alle Dämme, Astralkraft schoss aus seinem eigenen Körper hinein in den Rohling, und entfachte den Lebensfunken aus der dämonischen Essenz Asfaloths.
    Lucardus öffnete die Augen und fixierte den Homunculus, der in steifen, ruckhaften Bewegungen seine Gliedmaßen streckte. Trotzig erwiderte das hölzerne Menschlein seinen Blick. Das neue Leben versuchte sich mit aller Kraft gegen seinen Schöpfer aufzulehnen und die astralen Fäden, die ihn banden, zu zerreißen. Doch es unterlag seinem Beschwörer im Kampf um freien Willen.

    Welch ein erhabenes Gefühl. Er hatte erschaffen! Mit seinen eigenen Händen hatte er die Gestalt geformt, ihr den Lebensfunken eingehaucht und seinem Willen unterworfen. Er hatte vollbracht, was selbst die Götter nicht vermochten. Es war berauschend, Lucardus fiel es schwer, sich diesem Hochgefühl nicht gänzlich hinzugeben. Trunken vor Machtgefühl reckte er triumphierend die Arme in die Höhe.

    Yolande gab ihrem Schüler einen Moment, diesen Erfolg auszukosten. Sie erinnerte sich an ihre Feuertaufe und wie sehr die schöpferische Kraft sie selbst überwältigt hatte.

  2. Kommentar von Keldric
    Am 5. März 2016

    Blasphemie zur Mittagspause

    Auf dem Hof von Yolande im Firun 1032 BF
    Lucardus Wissensdurst war unstillbar, doch Yolande hatte seinem Drängen, ihn tiefer in die Geheimnisse der Invocatio einzuweisen, nicht nachgegeben, und so war sein letzter Besuch auf ihrem Hof im Praios diesen Jahres recht kurz ausgefallen. Ihre ersten Einweisungen in dieses neue, aufregende Feld hatten seinen Geist beflügelt, hatten zugleich aber weit mehr Fragen als Antworten aufgeworfen. Er hoffte, dass sein jetziger Besuch länger dauern würde.

    „Erlaubt mir, unsere mittägliche Pause mit einer Frage zu füllen, die mich seit meiner Rückreise umtreibt. All unsere bisherigen gemeinsamen Versuchsobjekte besaßen, einen doch arg beschränkten geistigen Horizont. Wie auch Form und Material der Objekte kaum Begrenzungen gesetzt sind, wie ihr selbst ausführtet, lässt sich auch das geistige Vermögen der Objekte steigern, wie ich nach eingehendem Studium eurer Kunstwerke annehme. Soweit, so klar.
    Eins ist allen Objekten, ob es meine bescheidenen Versuche oder eure meisterlichen Kunstwerke sind, gemein: An einer Seele, wie wir sie jedem, selbst dem dümmsten Menschen zuschreiben, ermangelt es ihnen. Wir hauchen diesen leeren Hüllen den Lebensfunken ein, beseelen sie. Wäre es da nicht auch möglich, ihnen eine Seele einzupflanzen, wäre es nicht denkbar, die Seele eines Menschen in ein Objekt einfahren zu lassen?“
    „Selbstredend sind diese meine Überlegungen rein theoretischer Natur“, schob Lucardus hinterher.

    „Überlegungen, die euch auch theoretisch schnell auf den Scheiterhaufen bringen könnten“, Yolande hielt eine längere Zeit inne. „Ja, ich glaube dies wäre möglich. Allerdings wäre die Erschaffung des Golems nur der erste Schritt. Die Seele eines Menschen in ihn einfahren zu lassen gehört vermutlich eher in den Bereich der Nekromantie, wenn nicht sogar der Chimärologie. Ich glaube, dass dies auch kein sonderlich erstrebenswertes Ziel ist. Unsterblichkeit mag die Motivation sein, aber wäre der Mensch nach einer solchen Übertragung noch derselbe? Erinnerungen, Verstand, Bewusstsein … all dies, was als Essenzhülle Astralleib genannt wird … würde nicht unverändert bleiben. Ich glaube, die Veränderungen wären sogar gewaltig. Und kommt es nicht dem Tode gleich, wenn die Seele in einen neuen Körper wandert und der Astralleib so verändert ist? Es wäre wie nach Tod und Wiedergeburt. Ist es nur die akademische Herausforderung … dann glaube ich, dass es unnötige Mühe ist. Wir erschaffen dem Golem einen Astralleib, der alles hat was uns Menschen ausmacht. Wenn es überhaupt so etwas wie eine Seele gibt, ist diese vielleicht für Götter und Dämonen von Interesse. Für uns Sterbliche ist sie im Vergleich zum Astralleib von minderer Bedeutung.“

    „Ihr habt vermutlich Recht – auch was den Scheiterhaufen anbelangt. Irgendwo gibt es immer jemanden, der einen Scheiterhaufen baut. Ihr wisst dies besser als die meisten, nehme ich an. Und ihr werdet mir wohl zustimmen, dass derjenige, der sich entschließt geistig auf festgetretenen Pfaden bewegt, diese nie verlassen wird. Ist dies letztlich nicht sogar die Lehren der Allwissenden und ihrer Sprösslinge?“

  3. Kommentar von Wulf
    Am 26. März 2016

    „Ja manchmal muss man diese Pfade verlassen, um Neues zu finden. Manchmal gelingt dies. Manchmal fällt man in den Graben. Man sollte nur nicht jammern, wenn dies passiert. Das ist das Risiko. Was natürlich nicht heißt, dass man sich nicht vorbereiten sollte. Irgendwer baut immer einen Scheiterhaufen. Daher schade es nie genug Wasser bereit zu haben, um ihn zu löschen.“

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