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Der Grünfink

Von Luthien am 14. Januar 2016

Wildermark

Baronie Zweimühlen, dort wo die Felder in Wälder übergehen, Tsa 1032 BF
Mit Leichtigkeit durchstieß die kantige Spitze seines steineren Dolches die vom Schnee der letzten Wochen aufgeweichte Grasnarbe und drang so tief in den Erdboden ein, bis nur noch das Heft der archaischen Waffe hervor ragte. Celtas setzte sich daneben auf den Boden, kreuzte die Beine übereinander, straffte den Rücken und schloss die Augen. Seine Linke wanderte zum Knauf des Dolches und umschloss ihn vorsichtig, sanft, beinahe zärtlich.

Ein Grünfink hatte sich in der Nähe auf dem Ast einer jungen Erle niedergelassen und betrachtete den sonderbaren, etwas abgerissen wirkenden Mann interessiert – wohl ohne selbst zu wissen warum. Doch hatte der Vogel erwartet, nun Zeuge eines großen, magischen Rituals zu werden, wurde er enttäuscht. Ohne dass auch nur irgendetwas geschehen war, erhob sich der Mann nach wenigen Augenblicken wieder, zog seinen Dolch aus der Erde, wischte ihn flüchtig an seiner Kleidung ab und wollte ihn gerade wegstecken, als der den kleinen, grünen Vogel entdeckte.

Als sich ihre Blicke trafen, legte der Fink seinen Kopf schief und betrachtete den Menschen genauer. Er sah nicht aus, wie die meisten Menschen, die hierher kamen. Das erkannte er nicht an der Kleidung des Mannes – dafür hatte der Grünling keinen Blick – vielmehr war es der Ausdruck dieser satt grauen, tiefliegenden, von dünnen Fältchen umrandeten Augen mit dem harten Blick: Dem Mensch stand meist die Gier in den Augen, wenn er den Wald betrat. Die Gier nach dem Holz der Bäume, die er mit schweren Äxten schlug und fortschaffte; die Gier nach den Früchten der Bäume, mit denen er seine ohnehin schon fetten Schweine fütterte; die Gier nach den Pelzen von Dachs, Bär oder Fuchs; die Gier nach dem fruchtbaren Boden, den er dem Wald mit großen Feuern abringen will. Keine Spur einer solchen Gier fand der kleine Fink in den Augen dieses Mannes.

Auch Celtas musterte den aufmerksamen Vogel genauer. Seit Minuten hockte der nun schon dort oben auf der Erle und beobachtete ihn – neugierig, wie Celtas fand. Der kleine Grünfink schien von ihm fasziniert zu sein. Der Fink oben auf der Erle. Der Erl-Fink. Der Erl-Fink mit den charakteristischen grün-gelben Gefieder, den tiefdunklen Schwungfedern und den ungewöhnlich hellen, fast weißen Streifen auf den Außenseiten des Schweifes. Unwillkürlich musste Celtas an seinen alten Meister denken, dessen ansonsten schwarzer Bart außen ebenfalls zwei hellgräuliche Strähnen besessen hatte – und ebenso schwarze und unergründliche Augen wie dieser Vogel, dieser Erl-Fink. „Erlwin!“, brach es aus Celtas hervor, „Wo magst du dich wohl so lange versteckt haben?“ Er ließ sich zu seinem warmen, wenn auch ausgesprochen seltenen Lächeln herab. „Und ich dachte, wir sähen uns erst in Tobrien wieder, in vielen Jahren. Stets hatte ich mir dein Gesicht in der Rinde einer unbeugsamen Eiche ausgemalt, oder in den sanften Wellen eines tiefen Sees. Nun, wenn ich dich hier finde, gibt es bestimmt etwas, das du mir zeigen willst.“ Langsam ging Celtas auf den Vogel zu.

„Tschirrp“, antwortete der nun auf den Namen „Erlwin“ getaufte Grünling – ohne, dass er damit etwas bestimmtes hatte sagen wollen. Als der Mann nun Schritt um Schritt näher kam, wäre Erlwin am liebsten davongeflogen, um sich in Sicherheit zu bringen – so jedenfalls hatte er es bisher bei jedem anderen Menschen getan – doch an diesem war etwas, dass ihn entgegen seiner Instinkte verharren ließ.

Der Mann hielt nur ein kurzes Stück von der Erle entfernt an, fixierte den Vogel mit seinem Blick und hob die rechte Hand empor. Wie gebannt verfolgte Erlwin, wie der Mensch Zeige- und Mittelfinger ausstreckte und mit ihnen eine kreisartige Bewegung beschrieb. „Komm her!“, befahl er anschließend. Bisher hatte Erlwin die Sprache der Menschen noch nie verstehen können und auch jetzt konnte er den einzelnen Worten keine gesonderte Bedeutung entnehmen, dennoch wusste er sofort, was dieser Mann von ihm verlangte. Und vielmehr noch: Obwohl es seiner Natur und seiner ganzen Erfahrung als Grünfink widersprach, befolgte er den Befehl, breitete seine Flügel aus und flatterte mit drei schnellen Schlägen direkt auf die ausgestreckte Hand des Mannes.

Um die Linke frei zu haben, steckte Celtas seinen Dolch endlich in den Gürtel und begann das Gefieder des kleinen Vogels zu streicheln. Der fiepste verstört und wand sich unter der ihm unangenehmen Berührung, doch er blieb auf der Hand sitzen. Celtas quälte ihn nicht länger. „Südlich von hier muss es einen Ort geben, an dem Sumus Kraft besonders groß ist. Fliege hoch und zeige mir den machtvollsten Ort den du kennst.“ Mit diesen Worten warf er den Vogel hoch in die Luft.

Glücklich, dem Griff entkommen zu sein, drehte sich Erlwin hoch in den Himmel, höher als er es sonst gewohnt war, hoch genug, um eine leichte Beute für jeden Habicht zu sein. Doch trotz der Todesangst, die sich sofort in seinem Gefieder ausbreitete und ihn panisch umherblicken ließ, ob er irgendwo den schicksalverheißenden Umriss eines solchen Räubers entdecken könne, stürzte er sich nicht wieder in die schützenden Baumkronen, sondern segelte langsam in die Richtung, die der Mann, der eine unheimliche Macht über ihn zu besitzen schien, ihm als Süden beschieden hatte.

Celtas ließ die Äcker und Weiden Zweimühlens, auf denen er sich in den letzten Tagen herum getrieben hatte, hinter sich und folgte dem kleinen Erlwin in den Wald. So wie heute hatte er seit einer Woche viele Male das unfehlbare Gespür seines Vulkanglasdolches bemüht, um die Ländereien Zweimühlens – des Herrschaftssitzes seiner neuen… Verbündeten – auf die Probe zu stellen. Das Ergebnis war stets das gleiche gewesen: Eine unheilbedeutende Kälte war in dem sonst feurigen Dolch aufgestiegen. Es gab eine finstere, chaotische Macht, die in Zweimühlen Fuß gefasst hatte. Spuren ihrer Anwesenheit waren überall zu spüren – auch wenn sie schwach waren. Es gab keinen Zweifel daran, dass dieser Landstrich und seine Herrscher Hilfe bedurften.

Ein Kommentar

  1. Kommentar von Luthien
    Am 16. Januar 2016

    Ein abgelegener Wald südlich von Zweimühlen, am gleichen Abend
    Die Sonne war bereits untergegangen und der Mond aufgestiegen. Die noch unbelaubten Blätter gewährten einen ungestörten Blick auf die am dunklen Himmel funkelnden Sterne. Tagsüber waren die Temperaturen gut auszuhalten, doch jetzt in der aufziehenden Nacht kroch die Kälte Celtas unangenehm unter die Kleider. Trotzdem schritt er kräftig aus, denn er wusste, dass das Ziel seiner Wanderung nicht mehr weit sein konnte. Der kleine Grünfink hatte ihn eine Weile geleitet und auf den richtigen Pfad geführt, doch irgendwann hatt Celtas den Vogel aus seinen Diensten entlassen und fortgeschickt. Hals über Kopf war der Grünling davongeflattert.

    Celtas brauchte ihn nicht mehr – wenn er ihn denn überhaupt je gebraucht hatte und daran zweifelte er schon grundlegend. Aber eine Weisung des Schicksals auszuschlagen wäre wenigstens töricht gewesen. Jetzt leiteten ihn sein persönliches Gespür, insbesondere aber sein treuer Dolch. Während Celtas sich durch den Wald schlug, hielt er ihn mal in diese, mal in jene Richtung, deutete sein Verhalten, seine Regungen und ganz besonders seine leuchtende Aura. Am Anfang hatte lediglich ein schwaches Glimmen – kaum mehr als die traurigen Überreste einer ersterbenden Glut – bewiesen, dass er sich grob auf dem rechten Weg befinden musste. Doch je weiter er gegangen war, je näher er der vermuteten Ader Sumus gekommen war, desto stärker waren die Zeichen geworden, desto kräftiger das Rot, desto heller das Leuchten. Jetzt tauchte das Licht den jungen Druiden, die ihn umgebenden Bäume und Sträucher, und den feuchten Waldboden in ein unwirkliches, sattes Blutrot und bewies, dass er sein Ziel beinahe erreicht hatte.

    Gerade strich er die Zweige eines Haselstrauches zur Seite und schob sich durch das Dickicht. Dahinter fand er, was er gesucht hatte. Vor ihm ragte eine eindrucksvolle, mächtige Linde auf. Ihre knotigen, knorrigen Wurzeln erhoben sich aus dem weichen, hier leicht abfallenden Waldboden und bildeten ein natürlich gewachsenes, unebenes Podest aus dem sich der ehrfurchtgebietende Stamm gen Himmel erhob. Entsprechend ehrfurchtsvoll hielten auch die umstehenden Bäume etwas Abstand. Die Linde selbst besaß weit ausladende, kräftige Äste und einen knorrigen, krummen Wuchs.

    Im fahlen Mondlicht, das durch die unbelaubten Äste fiel und dem rot-pulsierenden Leuchten, das von seinem Dolch ausging, erkundete er diesen mystischen Ort. Jetzt im Winter war der Boden kahl, doch Celtas konnte bereits vor sich sehen, wie hier im Frühling liebreizende Blumen mit ihren farbenprächtigen Blüten einen bunten Teppich bilden, im Sommer starke Kräuter wachsen und im Herbst dicke Pilze ihre Köpfe erheben würden.

    Doch etwas stimmte an dieser Szenerie nicht: Auf dem Boden lag auffällig wenig Laub. Rund um die Linde war er beinahe völlig unbedeckt. Celtas schwang sich über die Wurzelstränge und näherte sich dem dicken Stamm. Mit der Hand fuhr er über die alte, rissige Borke. Als er dagegen klopfte, klang sie dumpf und hohl. Also erklomm er einige der niedrigeren Äste und als er etwa eine Körperlänge an Höhe gewonnen hatte, entdeckte er ein großes Loch im Stamm. Von innen war der Baum ausgehöhlt. Er war alt, verbraucht, lag im Sterben. Seine Zweige würden wohl nie wieder treiben, Stamm und Äste nach und nach ihre Kraft verlieren und irgendwann unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen. Die Wurzeln würden verfaulen und nichts würde von diesem majestätischen Baum übrig bleiben. Celtas war es gleich. Interessant war für ihn lediglich, dass er sich offenbar geirrt hatte: Dieser Ort war wohl kein Quell des Lebens. Die Größe des Baumes deutete darauf hin, dass er es einst vielleicht gewesen war, doch jetzt spürte Celtas den Hauch des Todes über diesem Ort schweben. Eine große Macht lag hier bereit, von ihm genutzt zu werden.

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