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Ein Vermächtnis

Von Keldric am 15. Januar 2016

Wildermark

Auf dem Boronsanger zu Zweimühlen, am Abend des 4. Tsa 1032 BF
Lucardus stand allein auf dem eingeschneiten Boronsanger, vor ihm das frische Grab Ilmariels. Die Trauerfeierlichkeiten zu seinen Ehren waren zu Ende und die Sonne würde bald untergehen. Es war kalt und feucht. Selbst in seinem dicken Pelzmantel fror Lucardus. Sein Atem verwandelte sich in weiße kleine Wolken. Wütend ballte er die Rechte zur Faust, sodass sich das rote Leder der Handschuhe über seinen Knöcheln spannte.

„Elender Bastard! Warum bist du so früh gestorben? Hättest du nicht noch ein paar Jahre damit warten können? So schnell werde ich keinen viel versprechenden Ersatz für dich auftreiben können.“

Ohne es bewusst zu wählen, verfiel Lucardus ins Duzen. Zu Ilmariels Lebzeiten wäre ihm diese Anrede nie über die Lippen gekommen. Nicht aus Standesdünkel hatte er stets davon abgesehen, sondern weil er sich prinzipiell dieser Vertrautheit und Nähe entzog. Nähe machte verletzlich. Jetzt da Ilmariel unter der Erde lag, war das nebensächlich.
„Wenigstens nimmst du all unsere schmutzigen Geheimnisse mit ins Grab.“

In den wenigen Jahren, die Lucardus in der Wildermark verbracht hatte, hatte er viele Menschen sterben sehen. Niemand von ihnen hatte ihm etwas bedeutet, kein Tod hatte ihn im Herzen berührt. Die meisten waren nur namenlose Gestalten, die schlicht und einfach ersetzt wurden. Auch die Tode seiner ehemaligen Weggefährten hatten ihn nicht berührt. Der Tod des Ingerimmgeweihten würde sich als Verlust für die Stadt erweisen, aber Lucardus würde in ein paar Jahren seinen Namen bereits vergessen haben. An den Namen des Thorwalers, der auf offener Straße niedergeritten wurde, konnte er sich schon nicht mehr erinnern. Das einzige, was ihm zum Thorwaler einfiel war, dass der Mistkerl mit seinem Tod die Zeche geprellt hatte. All die Toten waren Lucardus gleichgültig. Ilmariel dagegen würde er wohl als einzigen von ihnen vermissen. Er war der einzige Weggefährte, dessen scharfen Verstand und durchtriebenen, intriganten Charakter Lucardus schätzen gelernt hatte – Gaben, die nicht jedem gegeben waren. Und die wenigsten verstanden, diese auch nutzbringend einzusetzen. Ihre gemeinsame Partnerschaft war äußerst lukrativ gewesen, aber Ilmariels Tod schmerzte ihn nicht nur des lieben Geldes wegen.

Vielleicht hätte er Ilmariel, anstelle des Rallerspforters retten sollen. Er hatte nur einen von ihnen beiden davon abhalten können, in das Tor in den Limbus zu springen. Ihm war nur Zeit geblieben, zu reagieren. Der Rallerspforter hatte Glück gehabt, dass Lucardus ihn als ersten gesehen und ihn mit einem Zauber bewusstlos zu Boden geschickt hatte, bevor auch dieser durch das Tor in den Limbus und in seinen Tod springen konnte. Ilmariels Sprung in andere Sphären hatte er nicht mehr verhindern können. Es war keine bewusste Wahl, sondern schlicht Zufall gewesen. Dem Rallerspforter gegenüber würde er seine Wahl dagegen als bewusste Entscheidung für ihn verkaufen. Ilmariels Tod war kein Grund, sich solch eine Gelegenheit aus den Lappen gehen zu lassen. Pietät half Toten nicht. So oder so, beide hätten den Tod für ihre unsägliche Dummheit verdient.

Lucardus würde es vermissen, wie der Halunke seine Mitmenschen um den Finger wickelte, selbst so manchen eingebildeten hohen Herrn. Seinen hemmungslosen Komplimenten – die andere Seite der Medaille – würde er dagegen keiner Träne nachweinen. Die Stadt würde ohne Ilmariel um einiges langweiliger werden, so viel stand fest. Die wenigen Intrigen des Schlitzohrs von denen er Kenntnis erlangt hatte, hatten ihm durchaus Respekt abverlangt. Ohne Konkurrenz auf diesem Feld lebte es sich fraglos unbeschwerter, aber eben auch eintöniger.

Welche Pläne Ilmariel mit seinem Waisenhaus verfolgt hatte, hatte er nicht herausfinden können. Dass sein Gefährte die Selbstlosigkeit für sich entdeckt hatte, hatte er nie geglaubt. Vielleicht hatte Ilmariel sich mit dem Waisenhaus ein Denkmal in der Stadt setzen wollen, die ihn durchgekaut und ausgespuckt hatte, und über die er letztlich als Mitglied des Quadrumvirats triumphiert hatte. Wenn Eitelkeit ein Grund für ihn gewesen war, es war sicher nicht der einzige Ausschlag für seine vermeintliche Großzügigkeit. Lucardus hatte sich vorgenommen, in Ruhe abzuwarten und den Dingen seinen Lauf zu lassen, bis sich erste Entwicklungen offenbarten oder ihm seine Augen und Ohren in der Stadt etwas berichteten. Dafür war es jetzt zu spät. Was immer Ilmariel beabsichtigt hatte, er würde es nicht mehr erfahren. Lucardus bedauerte lediglich, dass seine Neugier nicht befriedigen werden würde.

„Was immer dein Plan gewesen sein mochte, er stirbt mit dir. Da du keine Verwendung mehr für diese Waisen hast, wirst du nichts dagegen haben, wenn ich mich ihrer bediene. Ich werde dafür sorgen, dass das Waisenhaus als dein Vermächtnis bestehen bleibt – nur nicht so, wie du es geplant hast. Du weißt ja, nichts ist umsonst.“

„Dass du mich jedoch mit den einfältigen Blechbüchsen allein zurückgelassen hast, vergesse ich nicht …“, nach einem Atemzug fügte er leise hinzu, „… mein Freund.“ Das Wort fiel ihm schwer, es war Jahre her, dass er es das letzte Mal ernsthaft verwendet hatte, ohne dass er sich davon einen Vorteil versprach.

Der kleine Mann legte eine Dukate auf den Grabstein und kehrte dem Boronsanger den Rücken.

Ein Kommentar

  1. Kommentar von Keldric
    Am 16. Januar 2016

    Lucardus klopfte an die Tür zum Waisenhaus. Nichts passierte. Er klopfte erneut. Es dauerte bis er Geräusche vernahm.
    „Wer ist da?“, hörte er die zaghafte Stimme der Heimleiterin Yola Butterweck. Es war spät und keine sittliche Zeit für Besuch. „Von Dunkelstein, ich muss mit euch über die Zukunft eurer Mündel und die eure sprechen.“ Die Tür öffnete sich einen Spalt, misstrauisch äugte die Heimleiterin hervor. Im schwachen Schein ihrer Kerze, die sie in der einen Hand hielt,
    Ihr sorgenvolles Gesicht sprach Bände. Die Augen waren gerötet von den vergossenen Tränen. Sie Ihr Haar war etwas zerzaust, sie hatte bereits zu Bett gelegen, doch hatte, wenn Lucardus die Augenringe richtig deutet, keinen Schlaf gefunden. Sorgen plagten sie.
    „Wir sprechen drinnen.“ „Ja, Herr.“
    Die Heimleiterin bat ihn an dem großen Esstisch Platz zu nehmen. Sie zog auch einen Stuhl für sich zurück, zögerte jedoch, unsicher, ob es schicklich war selbst in der Gegenwart des Adligen zu sitzen. Die Müdigkeit obsiegte über ihre Unsicherheit und sie setzte sich ihm gegenüber.
    „Hört mir gut zu. Ich werde dafür sorgen, dass ihr und die Kinder eine Zukunft haben. Doch dafür müsst ihr tun, was ich euch sage. Ihr geht gleich morgen ins Stadthaus und bittet Zordan von Elenvina um eine Audienz beim Quadrumvirat.“
    „Ich verstehe nicht. Ihr seid doch im Rat. Warum könnt ihr denn nicht …?“
    „Unterbrecht mich nicht! Hört mir zu und tut, was ich sage, dann hat das Waisenhaus eine Zukunft. Also, ihr bittet morgen als erstes um eine Audienz, sie wird euch gewährt werden. Bittet das Quadrumvirat, das Waisenhaus zu retten und den armen Kindern ein Leben auf der Straße zu ersparen. Jetzt da Ilmariel tot ist, würde das Heim zugrunde gehen, wenn nicht die Stadt zur Hilfe eilt. Sagt ihnen, dass ihr um ihrer großen Herzen wisst und dass ihnen Travias Güte und Gebote heilig sind. Sagt das! Erwähnt die Gütige Mutter! Über alles Weitere macht euch keine Gedanken.“
    „Und dann ist das Heim sicher?“ Yola Butterweck sah ihn ungläubig an.
    „Wenn ihr alles so vortragt, wie ich es euch gerade gesagt habe, braucht ihr euch keine weiteren Sorgen zu machen. Vertraut mir. Doch zuvor schwört ihr bei den Zwölfen, dass ihr zu niemandem über unsere Unterhaltung ein Wort verliert.“
    „Wenn die Kinder dann sicher sind, schwöre ich euch das, Herr. Bei den Zwölfen.“
    Lucardus überlegte, ob er seiner letzten Forderung weiteren Nachdruck verleihen sollte, verwarf diesen Gedanken jedoch. Es würde zukünftige Begegnungen mit ihr nur verkomplizieren. Diese Stadt hatte ohnehin eine gesunde Angst vor Magiern.
    „Ich hoffe, ich konnte eure Sorgen zerstreuen. Ich werde euch auch nicht länger von eurer Ruhe abhalten. Wir alle hatten einen langen Tag. Travia mit euch.“

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