Phex Kinder

Seiten

Stein für Stein

Von Luthien am 01. September 2016

Wildermark

Zweimühlen, 07. Ingerimm 1032 BF
Es dämmerte bereits, als Celtas die Stadt, die sich Zweimühlen nannte, durch das Wehrheimer Tor verließ. Den Zeitpunkt hatte er bewusst gewählt: Die meisten Bauern hatten ihre Felder bereits verlassen und es waren nur noch wenige Menschen unterwegs. Denn obwohl es ihn nicht kümmerte, was die unwissenden Bürger der Stadt von ihm oder seinen Künsten hielten, so wollte er sie doch nicht unnötig aufregen oder gar mit einem Messer im Rücken aus der Meditation gerissen werden.

Er verließ die Straße und enfernte sich einige Schritte von der armseligen Palisade. Dann setzte er seinen Rucksack ab, entledigte sich seiner Stiefel und kniete sich ins Gras. Die Hände legte er in seinen Schoß, schloss die Augen und konzentrierte sich. Es dauerte nicht lange, bis er sich eingestimmt hatte, bis er den schädlichen Einfluss der Zivilisiertheit, den diese Stadt und ihre Herren auf ihn ausübten, abgelegt hatte, bis er nicht mehr ein Mensch unter Menschen, sondern ein Beschützer Sumus war. Es dauerte nie sehr lange – wohin er auch ging, Sumu war nah.

Celtas war bewusst, dass der Wachposten am Tor ihn beobachten musste, doch das scherte ihn nicht. Seine ganze Konzentration musste jetzt der Kraft und den Elementen gelten. Er öffnete die Augen und schnürte sein Gepäck auf. Er förderte einen Holzteller und einen steinernes Tiegelchen hervor. Er goss etwas Wasser aus seiner Flasche auf den Teller und wartete, bis es sich beruhigt hatte und die Wellen versiegt waren. Im schwindenden Licht der Abendsonne konnte er sich nun in der Oberfläche spiegeln, als er sich darüberbeugte.

Celtas öffnete das kleine Gefäß und strich mit den Fingern der rechten Hand durch die dickflüssige Masse darin. Sofort färbten sich die Spitzen schwarz. Mit einem Geschick, das aus jahrelanger Übung her rührte, begann er sich Muster in Linien auf Gesicht, Hände und Unterarme zu zeichnen; scharfkantige, eckigen Formen – wie die Zinnen des Walles, den zu schaffen er sich hatte überreden lassen. Das Wasser schüttete er anschließend achtlos weg und verstaute seine Utensilien wieder im Rucksack. Mit der Linken zog er seinen Dolch aus dem Gürtel und hob ihn beschwörend in die Höhe. Dann erst vollführte er das eigentliche Ritual.

Er begann, Sumus Kraft durch seinen Leib fließen zu lassen, konzentrierte sich auf die besonderen Eigenschaften des Erzes – desjenigen Elementes, das er heute zu manipulieren gedachte und streckte die rechte Hand vor sich aus. Nur von seinem Geist gesteuert durchzog die astrale Kraft seinen Kopf, wanderte von dort über die Brust in seinen Arm und sammelte sich schließlich nur in seiner rechten Handfläche. Dort schwoll sie an, gewann an Macht, bis sie an seinen Kräften zehrte und die Kräfte der Umgebung zum erzittern brachte. Seine Handfläche begann zu kribbeln, die Energie verlangte, hervorbrechen zu dürfen, doch Celtas musste sie noch in die gewünschte Bahnen lenken und den rechten Augenblick abwarten, während die Macht Sumus an seinem Fleisch zerrte.

Dann war der Moment gekommen, in dem Celtas die Kontrolle über das Unkontrollierbare gewann. Ruckartig streckte der den Zeigefinger aus, deutete auf den Boden vor sich und entließ die angestauten Kräfte in die stoffliche Welt. Wie ein aufgestauter Fluss, der einen Damm zum Bersten bringt, brachen sich die Magie Bahn, strömte durch seinen Finger nach draußen und manifestierte sich dort… zu einigen unförmige Klumpen Metalls, die auf das dürre Gras purzelten – eine von Celtas‘ leichtesten Übungen.

Er lockerte seine Schultern kurz und klärte seinen Geist, dann hob er das Eisen auf und straffte seine Haltung. Tief versenkte er sich in die Kraft und Stärke des Erzes in seiner Hand und auf die Aufgabe, die es zu bewältigen haben würden. Erneut sammelte sich die Kraft in seinem Körper, floss durch seine Arme und strömte in seine Hände. Dort ging sie nach seinem Willen in das leblose Metall über. So verharrte Celtas eine ganze Weile lang: Von außen reglos und nach innen gekehrt, doch in seinem Innern aufs Äußerste konzentriert und angestrengt in seiner Bestrebung, Sumus Kraft und das elementare Erz nach seinen Wünschen zu formen. Bis seine Anstrengungen endlich die ruhenden Geister weckte und sich das Eisen in seinen Händen zu regen begann. Es verformte sich, floss zunächst zu einem einzigen Stück zusammen und teilte sich dann entzwei. Celtas ließ beide Teile zu Boden fallen und beobachtete.

Die beiden Geister wuchsen an, bildeten klobige Gliedmaßen aus und reckten sich in die Höhe, bis sie dem knieenden Druiden bis an die Stirn reichten. Ihre eisernen Körper wirkten scharfkantig und unförmig, die Beine schwerfällig, die Arme jedoch stark und kräftig. Die breiten Schultern gingen ohne Hals in eckige Köpfe mit kaum ausgeprägten Gesichtszügen über. Mit hängenden Armen standen die beiden nun da, ließen ihre Körper in den letzten Sonnenstrahlen funkeln und starrten ihren Beschwörer an – stumm wie das Eisen aus dem sie gerufen worden waren.

Celtas atmete tief durch; der erste Schritt war getan. Ein unwissender Beobachter hätte sich vielleicht gewundert, wieso Celtas von dieser Zauberei bereits so erschöpft war – schließlich waren keine Blitze aus seinen Fingern, keine Flammensäulen aus dem Boden geschossen – doch jedwede Manipulation des elementaren Gleichgewichts, so hatte ihn sein Meister gelehrt, war eine gefährliche Anstrengung, die nur mit größter Vorsicht, Konzentration und Kraftaufwand gewagt werden sollte. Und schon in frühen Jahren hatte Celtas festgestellt, dass ihm die Herrschaft über das eherne Element besonders schwer fiel. Um so zufriedener war er nun mit dem Erfolg seiner Anstrengungen.

Nachdem er die beiden elementaren Geister gerufen und geformt hatte, galt es jetzt, ihnen nach seinem Willen zu befehlen. „Ich brauche Steine, um eine Mauer zu errichten; so stark wie der Fuß eines großen Berges. Ihr zwei! Geht dort vorne unter die Erde und bringt mir Stein herauf, mit dem ich einen festen Wall formen kann. Schichtet ihn hier zu einem Hügel auf. Fahrt die ganze Nacht und den ganzen Tag damit fort und ruht nicht, ehe der nächste Abend dämmert, dann seiet aus meinen Diensten entlassen.“ Wären die rudimentären metallisch-glänzenden Gesichter zum Ausdruck einer menschlichen Emotion fähig gewesen, so hätten sie wohl eine enervierte Resignation gezeigt, doch sie blieben reglos. Im Geiste jedoch konnte Celtas ihren Widerstand deutlich spüren. Nur ungerne ließen sich die Elemente von Menschen befehlen – selbst von einem Erwählten Sumus. Doch seiner Willenskraft waren die beiden Geister keineswegs gewachsen und es dauerte nicht lange bis sie sich seinen Wünschen unterwarfen, wie ein Gaul der Peitsche. Sie drehten sich auf dem Absatz um und stampften einige Dutzend Schritt davon bis zu der Stelle, die Celtas ihnen gedeutet hatte. Dort begannen sie zu versinken, verschmolzen langsam mit dem Boden und verschwanden innerhalb weniger Augenblicke gänzlich.
Nur kurze Zeit später, so wusste Celtas, würden sie mit ihrer Beute wieder an der Oberfläche erscheinen, doch darauf zu warten, hatte er am heutigen Abend kein Bedürfnis mehr. Er steckte seinen Dolch zurück in den Gürtel, erhob sich und schwang sich seinen Rucksack auf den Rücken. Dann schritt er zum Tor zurück. Der Wachsoldat würde sicherlich etwas zu sagen haben – und die Bauern, die am nächsten Morgen zwei stumme, metallene Gestalten auf ihren Feldern vorfinden würden, ebenso.

Keine Kommentare

Bis jetzt noch keine Kommentare

Einen Kommentar abgeben

Du musst dich eingeloggen um Kommentare abzugeben.