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Brüder im Geiste

Von Luthien am 13. September 2016

Wildermark

Westlich von Zweimühlen, 09. Ingerimm 1032 BF
Begleitet von dem Schmatzen seiner Stiefel auf dem durchnässten Boden, dem unsteten Tropfen des bis vor kurzem vom Himmel gefallenen Regens von den grünen Blättern der weit ausladenden Pappeln, Linden, Buchen, Weiden, Platanen, Ulmen und Rosskastanien und dem nach dem Vorüberziehen des Schauers langsam wiederkehrenden Gezwitscher der Meisen, Lerchen, Elstern, Staren, Drosseln und Sperlingen, stapfte Quael’Thas – der sich von den ignoranten Sterblichen lieber Celtas rufen ließ – stets der Beschreibung, die das Sturmwesen ihm gegeben hatte, folgend, seinem Ziel entgegen, sog mit der ganzen Kraft seines zähen Leibes, den reinen und die pure Lebendigkeit verheißenden Duft der feuchten Erde ein und war in Gedanken doch eigentlich bereits am Ziel seiner Wanderung angekommen, das ihm neues Wissen, neue Weisheit und einen noch etwas tieferen Einblick in Sumus unendliche Pracht versprach, kurzum ein Ort, an dem er, getreu des ihm durch seinen einstigen Meister prophezeiten Schicksals, seine Macht würde mehren können, in Vorbereitung auf den endgültigen Todesstoß, den er der Anbetung des Chaos in den tobrischen Landstrichen zuzufügen ausersehen war und dessen erster Akt – gleichsam das Ansetzen der Klinge auf der pervertierten Haut dämonischer Verderbtheit – nur durch die Zögerlichkeit der boronischen Ordenskrieger, die sich zugleich aber gerühmt hatten, anstatt den Tod zu fürchten, ihm in freudiger Erregung entgegen zu treten, aufgeschoben worden war, denn obgleich diese Kirchenritter Gelegenheit gehabt hatten, gleich eine Handvoll Sumuschänder, Chaosverbreiter, Dämonenbuhler, Höllenanbeter und Teufelspriester vom Antlitze Sumus zu tilgen, hatten sie sich doch lieber entschlossen, ihre eigene Haut zu retten, den Erfolg ihrer Mission mit der Rückeroberung einer Stadt – materiellen Besitztums! – gleichzusetzen und so ihre feige Flucht zu rechtfertigen, anstatt nach Celtas‘ Belehrung – einem Mann der, verglichen mit ihnen, unmittelbar für die Urmutter sprechen konnte – das eigene Leben zu opfern – und welch Opfer wäre dies schon gewesen, da doch Leben und Tode gleichsam zur Ganzheit Sumus beitragen – und dafür den Agenten des Chaos einen tatsächlichen Schlag zu versetzen und den Höllenmächten selbst zumindest einen Fußbreit Boden abzuringen.

Sich auf solcherlei Vergangenes besinnend – durch Sumus Kraft geborgen, brauchte er weder wilde Tiere noch kratzige Dornen zu fürchten – und nicht so recht auf seine Umgebung achtend – weshalb ihm jedoch auch die auffallend häufigen und dicht verlaufenden Fährten von Füchsen, Dachsen, Wölfen, Hirschen und Bären, entgingen – bahnte sich Celtas seinen Weg durch das dichter werdende Unterholz, drückte Zweige beiseite oder setzte sich über vermodernde Baumstämme hinweg, stets der zunehmenden Urtümlichkeit gewahr, die dieser Wald bot, obwohl er doch ringsum von Feldern und Straßen, Dörfern und Städten umgeben war – vielmehr: einer Enklave gleich von ihnen bedroht wurde – bis er, Celtas, endlich ein dichtes Dornicht durchstieg und unvermittelt eine annähernd runde Lichtung von der Größe des Zweimühlener Marktplatzes betrat, die sich – wiederum einer Enklave gleich – von dem für gemeine Menschen undurchdringlichen Urwald abgrenzte und ihrerseits einige, ganz offenkundig zu einem künstlichen Hügel aufgeschichtete, Findlinge beherbergte, die allesamt die Größe von Ogern, Tatzelwürmern oder gar Trollen besitzen mochten und, obwohl sie wohl schon seit einer Ewigkeit von Ranken, Flechten und Pilzen überzogen waren, war zu erkennen, dass sie darunter über und über mit in braun und grün gehaltenen Zeichen und Mustern bedeckt waren, die ein Ahnungsloser, sollte er sich jemals an diesen Ort verirren, wohl für schamanistisch-dämonische Hexerei halten würde – Celtas wusste es natürlich besser, erinnerten diese Muster doch sehr an jene, die ihn sein Meister einst gelehrt hatte, um mit den sechs Elementen in Kontakt zu treten – doch erst auf den zweiten Blick konnte er, wiederum Celtas, erkennen, dass es sich keineswegs um einen rituellen Hügel oder gar eines Unbekannten Grab handelte – und seine Suche hier noch nicht ihr Ende fand – sondern vielmehr um die Wohnstatt des Mannes, den aufzusuchen er ausgezogen war, denn gerade entstieg dieser dem Gebilde durch einen schmalen Spalt, der wohl einem Eingang gleichkam, und wandte sich dem nicht gänzlich unverwunderten Celtas zu.

Nur von geringem Wuchs und dennoch mit gebeugtem Nacken, als müsse er Stunde um Stunde achtgeben, in seiner beengten Behausung nicht an die Decke zu stoßen, stand dieser Mann vor Celtas, hielt einen von dornigen Rosen umrankten Stecken in der Hand und stützte sich doch nicht darauf, denn trotz tiefer Falten auf der Stirn und um die aus dem gräulichen Gesicht hervorstechenden waldgrünen Augen mit den kurzen, dichten Wimpern und den großen, schwarzen Pupillen und nebst der schiefen, von einem kleinen, braunen Pilz bewachsenen Nase und dem schmallippigen Mund mit den schlechten Zähnen, wirkte er keineswegs alt – wenn auch genausowenig jugendlich – und zwar strotzte seine Statur nicht von Kraft und Stärke, doch war er zäh und drahtig – wie Celtas selbst, wenn auch etwas schmaler – sein kurzes, dunkles Haar war weder grau, noch fiel es ihm aus, durchzogen wurde es jedoch von Moos und Flechten, die Brauen waren dicht und buschig und auch sein Bart war nicht strähnig, sondern voll und lang – beherbergte aber wohl ebenfalls einige Pflanzen, denn vereinzelte Triebe stießen zwischen den Haaren hervor ans Licht – fiel über die nackte Brust und steckte in dem ledernen Gürtel, der den fellenen Schurz des Mannes – die Tracht der Kurga stand diesem in nichts nach – um seine Hüften hielt und einen steinernen Dolch barg, während die Schultern des Einsiedlers einen bis zu den nackten, dreckigen und vor Getier wimmelnden Füßen herabreichenden, wollenen Umhang trugen, der mit dem Saum über das Gras strich und so dachte Celtas bei sich, „Dieser hier steht der Urmutter nahe, dieser hier dient dem Leben, dieser hier muss Kunwulf sein.“, und fand sich am Ende seiner Reise.

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