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Maus und Schlange

Von Luthien am 06. Februar 2017

Wildermark

Abseits der Reichsstraße I, In der Nacht vom 28. auf den 29. Rahja 1032 BF
Während sich seine Gefährten um das Lagerfeuer versammelt hatten und die Wachschichten für die Nacht besprachen, hatte sich Celtas ein paar Schritte weit abgesetzt, ihnen den Rücken zugewandt und sich ins Gras gekniet. Der sommerliche Abend war lau und die Tage waren lang, sodass es selbst zu forgeschrittener Stunde noch nicht dunkel war. Man hatte heute ein gutes Stück des Weges zum Mythraelsfeld hinter sich gebracht und abseits der Straße ein Rastlager aufgeschlagen. Die Pferde waren getränkt worden, die Recken waren gesättigt. Zelte und Schlafsäcke standen und lagen einladend für die Nacht bereit.

Celtas war in seiner allabendlichen Meditation versunken, hatte die Beine gekreuzt, die Augen geschlossen und hielt seinen Dolch in beinahe beschwörender Geste in den ausgestreckten Händen, doch die rechte Tiefe wollte sich nicht ganz einstellen, denn beständig schallten die Stimmen seiner Reisebegleiter zu ihm herüber und kosteten ihn einen Teil seiner Konzentration. Er seufzte, ließ die Hände sinken und schlug die Augen auf. Gerade wollte er sich erheben, um noch ein kleines Stück zwischen sich und seine Mitstreiter bringen, als er bemerkte, dass jemand nur auf Armeslänge entfernt neben ihm saß und ihn beobachtete. Ohne hinzusehen war ihm sofort bewusst, wer sich ihm dort aufdrängte, denn von allen seinen Begleitern konnte sicherlich nur eine solch schlangenhafte Anmut beweisen, um sich geräuschlos an ihn heranzupirschen: Purothea Schlangentochter. Ohne seine unbequeme Haltung zu ändern, wand er ihr den Kopf zu.

Vier dunkle Augen blickten ihm entgegen, denn nicht nur die Hexe, die sich neben ihm im Gras niedergelassen hatte, musterte ihn neugierig, sondern auch der Kopf der um ihren Hals liegenden Schlange war ihm entgegen gerichtet, um ihn zu begutachten. Natürlich hatte Celtas schon von Hexen und ihren Vertrautentieren gehört, bisher hatte er sie aber nur für einfache Haustiere gehalten und die Verbindung zwischen beiden unterschätzt. So hatte ihn sein Meister gelehrt: „Die Töchter Satuarias sind wild und ohne großen Verstand. Sie handeln affektiv, geben ihren animalischen Gefühlen nach und sind impulsiv. Kein Wunder, dass sie sich mit Tieren einlassen – sie sind selbst welche. Diese Weiber treten Sumus Kraft mit Füßen und stehen dem Chaos nahe!“

„Habe ich euch unterbrochen?“, fragte Purothea unschuldig. Celtas brauchte einen Augenblick, um sich von den Augen der Viper loszureißen. Er schüttelte den Kopf. „Nein. Ihr nicht.“ Ohne sich umzudrehen, nickte er mit dem Kopf vielsagend in Richtung des Feuers. Der Anflug innerer Ruhe, den er während des Meditationsversuches verspürt hatte, war inzwischen wieder verflogen. Er steckte seinen Vulkanglasdolch vorsichtig zurück in den Gürtel und wandte sich Purothea nun gänzlich zu. Während er vorhin auf der Suche nach Zwölfblatt durch die Umgebung gestreift war, hatte er über ihr kurzes, gemeinsames Gespräch auf der Straße nachgedacht. Dort hatte er ihr nicht seine gesamte Aufmerksamkeit widmen können, weil er immer noch über Adhemars Beschreibung des Finstermannes nachgedacht hatte. Jetzt waren seine Gedanken einzig auf die Draconiterin gerichtet – und auf ihre Schlange. Welche Kraft mochte wohl in ihrem Blut liegen?

„Wie kann Sumu tot sein, wenn ich noch atme?“, knüpfte Celtas an ihren kleinen Disput an.
„Was?“ Sie schien ehrlich überrascht von der Frage.
„Ihr habt gefragt, ob Sumu tot sei oder noch am Leben. Nun frage ich: Ich behüte die Urmutter. Wie kann Sumu tot sein, wenn ich noch atme?“ Celtas hatte noch nie gut in Menschen lesen können. War sie sprachlos? Pikiert? Ärgerlich? Amüsiert?
Auf ihren Wangen zeigten sich zwei Grübchen, als sie lächelte. „Und woher wisst ihr, dass ihr nicht nur einen Leichnahm hütet? Vielleicht wird sie eines fernen Tages wieder erwachen, doch hier und jetzt ist Sumu tot. So traurig es ist.“
„Ich weiß es. Ich spüre es!“ Er begann, die Stimme zu erheben. „Im Wachsen des Grases, im Wehen des Windes. Ich…“
„Ich sehe schon, in dem Punkt werden wir zwei Hübschen uns nicht mehr einig werden.“ Sie zwinkerte ihm zu und nahm dem in ihm aufsteigenden Zorn damit den Wind aus den Segeln. Ihr Blick wanderte von ihm zum Horizont im Osten. „Es wird langsam dunkel. Ihr müsst halb verhungert sein.“

Angesichts der ihm bevorstehenden Aufgabe hatte Celtas wieder einmal gefastet, um seinen Geist zu stählen. Natürlich hatte er Hunger. Doch seit seiner frühesten Kindheit hatte er gelernt, sich über solche körperlichen Bedürfnisse zu erheben. „Nur aus Härte erwächst Macht.“, antwortete er. So hatte es ihn sein Meister einst gelehrt.
„Das klingt wie ein Gebot Firuns.“, stellte sie fest.
„Hm?“ Dass Firun zu den Göttern gehörte, die die zivilisierten Menschen verehrten, war ihm bewusst, doch der Zusammenhang mit seinen eigenen Prinzipien erschloss sich ihm nicht sofort.
„Firun. Ein Zwölfgott. Seine Priester sind euch gar nicht so unähnlich.“
„Eure Götter sind nur ein Teil Sumus. So wie wir alle. Natürlich finden sich daher Parallelen, aber…“, setzte Celtas zu einer Erklärung an.
„Jaja, schon gut.“, unterbrach sie ihn gelangweilt. „Ihr erzählt mir, dass Sumu alles ist und ich versuche, euch davon zu überzeugen, dass nichts über den Göttern steht und nenne euch einen Ketzer.“ Dass sie diesen Satz nicht aus tiefster Überzeugung, sondern nur mit gespielter Rechtschaffenheit gesprochen hatte, entzog sich Celtas‘ Wahrnehmung. „Ersparen wir uns das.“ Ihre Stimme wurde etwas sanfter. Eigentlich bin ich zu euch gekommen, weil ich etwas ganz anderes fragen wollte.“

„Weisheit erlangt, wer dem Weisen lauscht.“, zitierte Celtas seinen alten Meister und blickte ihr auffordernd in die Augen.
„Ich habe mich schon immer gefragt: Warum gibt es keine Druidinnen?“ Sie betonte das letzte Wort besonders stark, als ob Celtas dessen Bedeutung auch auf keinen Fall entgehen sollte.
„Frauen sind…“, antwortete Celtas etwas zu schnell. Er stockte kurz, denn obwohl er Purothea erst seit wenigen Tagen kannte, war sie ihm sympathisch und er wollte sie nicht unnötig vor den Kopf stoßen. Doch da er den Satz nun einmal begonnen hatte, musste er ihn auch vollenden: „… schwach.“
„Schwächer als Männer, wollt ihr sagen?“ Sie funkelte ihn mit einer Feindseligkeit an, von der er nicht  hätte sagen können, ob sie echt oder nur gespielt war und rückte ein kleines Stück näher an ihn heran.
„Los hat Sumu besiegt.“, entgegnete er.
„Ich dachte, Sumu sei gar nicht tot?“, wandt sie ein. Celtas entging dabei, dass es ihr offenbar gefiel, ihn ein wenig zu reizen.
„Besiegt! Und verwundet. Aber nicht tot.“, verteidigte er sich ungewollt. Er hatte keine Ahnung, wie er in diesem Gespräch plötzlich in die Defensive geraten war.

„Schwächer als Männer? Wie könnt ihr das sagen? Denkt nur an… Nahema. Welcher Mann könnte ihr schon das Wasser reichen?“ Das böse Funkeln ihrer Augen wich etwas zurück, doch dafür bekam ihr Blick etwas Lauerndes.
Ich!, schoss es Celtas sofort durch den Kopf. Vielleicht jetzt noch nicht, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Doch er sprach seinen Gedanken nicht aus. Auch er hatte natürlich schon Geschichten von der großen Zauberin Nahema gehört, doch sie waren ihm immer als überzogene Legenden einer ruhmsüchtigen und möglicherweise größenwahnsinnigen Hexe erschienen. Und trotz ihrer angeblichen Macht hatte sie keinen Finger gerührt, um der Invasion Tobriens Einhalt zu gebieten. Entweder war sie also doch nicht so mächtig, oder sie hatte sich auf die Seite des Chaos geschlagen. In beiden Fällen also stand sie in keinerlei Verhältnis zu den großen Druiden dieser Zeit.

„Fyrnenbart der Alte.“, antwortete Celtas auf Purotheas Frage.
„Der Name sagt mir nichts. Muss man ihn kennen?“, stichelte sie.
„Der mächtigste aller tobrischen Druiden.“, erklärte Celtas ruhig und fügte in Gedanken hinzu: Noch. Es wunderte ihn nicht, dass die Draconiterin noch nie von Fyrnenbart gehört hatte. Kaum ein Sterblicher kannte diesen Namen. „Gemeinsam mit anderen hat er das Land gegen die Horden des Chaos verteidigt. Seither ist er verschollen.“
Sie lachte ein spöttisches Lachen. Leise zwar, doch es traf Celtas dennoch: „Ein besserer Name ist euch nicht eingefallen? Und wie soll sich Nahema mit einem Toten messen?“
„Verschollen!“, gab Celtas etwas zerknirscht zurück. „Nicht tot.“
„Und sicherlich spürt ihr auch das im Wind.“ Selbst Celtas entging der darin enthaltene – wenn auch freundschaftliche – Hohn nicht gänzlich.
„Natürlich!“, gab er zurück. Obwohl sie im ganzen Gespräch noch nichts Bösartiges oder Gemeines gesagt hatte, fühlte er sich irgendwie bedroht. Und das begann ihn zunehmend zu verwirren. Sie war die Schlange – soviel war ihm bewusst. Doch, dass er in ihrem Spiel die Maus darstellte, entzog sich seinem Verständnis.
„Dann kanntet ihr ihn gut?“, setzte sie mit einer Unschuldsmiene nach, die wohl selbst einen Inquisitor von der Arglosigkeit dieser Frage überzeugt hätte.

„Nein, ich bin ihm nie begegnet.“ Er konnte nicht begreifen, wie sie es machte, doch irgendwie brachte sie ihn dazu, mehr zu erzählen, als er eigentlich wollte. „Mein Meister war bei ihm. Ich weiß nicht, was geschehen ist, aber mein Meister ist nicht tot, das spüre ich. Also ist auch Fyrnenbart noch am Leben. Nur eben irgendwo… anders.“ Langsam kam er in Erklärungsnöte. Wie sollte er ihr begreiflich machen, was sie vermutlich ohnehin niemals verstehen würde? Die Tiefe Einigkeit mit Sumu, die ihn und seine Brüder verband und die ihn wissen ließ, dass die Blüte des tobrischen Druidentums nicht vollends vernichtet worden sein konnte, die würde Purothea sich niemals auch nur vorstellen können – wenn sie Sumu doch für tot hielt.

„Seid ihr auf der Suche nach ihm? Eurem Meister, meine ich.“, fragte sie und strich damit das Thema der Geschlechter beiseite, ohne dass es Celtas aufgefallen wäre. Sie war noch ein Stück näher an ihn herangerückt und saß ihm nun nicht mehr gegenüber sondern leicht versetzt neben ihm, sodass beide die im Westen untergehende Sonne beobachten konnten, ohne sich voneinander abzuwenden. Obwohl sich beide auf dem Boden niedergelassen hatten, warfen sie lange Schatten auf das Gras. Die Nesselviper um Purotheas Hals schien die letzten Sonnenstrahlen zu genießen und das Interesse an Celtas verloren zu haben.

Celtas schüttelte den Kopf: „Und sehe dem Finstermann dabei zu, wie er Sumu weitere Wunden schlägt? Auf keinen Fall! Vielleicht mache ich mich irgendwann auf die Suche, aber zur Zeit gibt es dringenderes.“ Mit den Erinnerungen an seinen alten Meister stieg etwas Wehmut in ihm auf, die er unter Kontrolle bringen musste. „Fragt mich nicht mehr danach.“ Irgendwie genoss er die Gegenwart der Hexe, doch andererseits empfand er in ihrer Nähe auch ein unbestimmtes Unwohlsein. Vielleicht wegen ihrer tiefschürfenden Fragen. Vielleicht weil sie ihn dazu brachte, so offen zu sprechen. Vielleicht wegen ihres unablässig auf ihm ruhenden Blickes. Er rückte ein Stück von ihr ab und übersah dabei ihr Schmunzeln.

Beide schwiegen einige Augenblicke, ehe Purothea wieder das Wort ergriff: „Ich hörte schon davon, dass eure Dolche etwas Besonderes für euch Druiden darstellen. Sie sollen mächtige Artefakte sein. Ganz ähnlich wie die Zauberstäbe der Gildenmagier, nicht wahr?“ Celtas riss sich von seinen Erinnerungen an Erlwin und den Nebelkopf los und folgte ihrem Blick. Er war an ihm hinuntergeglitten und an seiner Hüfte hängen geblieben. Seine Linke lag auf dem Knauf seines Dolches und streichelte ihn versonnen. Das tat er hin und wieder, wenn er in Gedanken versank. Ihm selbst war noch nie aufgefallen, dass er so etwas tat. Ihr offenbar schon.
„Von Zauberstäben weiß ich nichts.“, antwortete Celtas ihr. „Aber ja, mein Dolch ist ein wichtiges Instrument und besitzt eine große eigene Kraft.“
„Darf ich ihn mir ansehen?“ Fragend streckte sie die Hand aus und warf ihm ein Lächeln zu, dass einen Stein hätte erweichen können.
Doch Celtas‘ Geist war härter als der härteste Stein und hier mussten auch ihre Koketterie und ihr Charme versagen. Wenn ihr in auch nur anfasst, werde ich erst eurer Schlange und dann euch selbst die Eingeweide damit herausschneiden! Aber das sagte er nicht laut. „Nein.“, gab er zurück.
„Ich werde ganz…“
„Nein!“, sein Tonfall war finster und endgültig. Um der Aussage ein wenig ihrer Schärfe zu nehmen, fügte er noch hinzu: „Er ist ein Teil von mir und ich gebe ihn niemals her. Ihr würdet euch auch kein Auge aus dem Schädel reißen und es mir zur Begutachtung überlassen.“
„So wertvoll ist er euch?“
„Wertvoller. Eher gäbe ich eine Hand her als ihn.“ Er deutete auf die graugelbe Schlange. „Könnt ihr das verstehen?“

Ihre schlanken Finger strichen liebevoll über die schuppige Haut des Tieres. „Vielleicht. Ihr nehmt es mir doch nicht übel, dass ich neugierig war?“
Wie könnte er ihr jemals etwas übel nehmen – nach diesem Augenaufschlag? Er schüttelte den Kopf. Die Sonne war untergegangen und am Horizont war nur noch ein dünner Lichtstreifen zu sehen. Hinter den beiden flackerte das Lagerfeuer. Ansonsten war es dunkel. Celtas blickte sich um. Die Gefährten schienen sich auf die Nachtruhe vorzubereiten. „Ich denke, wir haben für heute genug geredet. Ihr solltet euch zur Ruhe legen.“, schlug er der Hexe vor. „Uns steht eine schwere Aufgabe bevor.“
„Und ihr? Sollten wir nicht beide schlafen gehen?“, gab sie zurück und legte ihm dabei die Hand auf die unter der Berührung verkrampfende Schulter.

In der Tat war Celtas müde und die Aussicht auf einige Stunden Schlafes sehr verlockend. Der Ritt war lange und ermüdend gewesen – im Sattel fühlte er sich noch immer nicht so recht wohl. Unterwegs hatte er über manche Dinge angestrengt nachgedacht. Und das Gespräch mit Purothea hatte ihr übriges zu seiner Erschöpfung beigetragen – oder war es nur ihre Präsenz, die an ihm zehrte? Doch gerade darin bestand der Kern seines Wesens, seiner Fähigkeiten: Nur aus Härte erwächst Macht. So hatte es ihn sein Meister einst gelehrt. Wer ein bequemes Leben führt, wird es nie zu wahrer Größe bringen. Wer es sich jedoch selbst unbequemt macht, wer sich stets die schwersten Aufgaben sucht, wer sich nur die größten Anstrengungen abverlangt – der wird es zu einer Macht bringen, die Welt zu verändern. Daher wollte er noch einige Zeit meditieren, ehe er zu schlafen gedachte. Vielleicht würde er sogar noch einige Erkenntnisse gewinnen, die ihm gegen den Finstermann würden helfen können.

„Noch nicht. Sumus Kraft ist stark heute Nacht. Das will ich noch eine Weile nutzen.“, sagte er und war in Gedanken eigentlich schon in die Tiefen des Astralgefüges abgestiegen.
„Gute Nacht.“, erwiderte Purothea, erhob sich und machte Anstalten, zu den Zelten zurückzukehren. Nach zwei Schritten hielt sie jedoch noch einmal an, drehte sich zu Celtas um und sprach: „Ich habe unser Gespräch heute sehr genossen, Celtas.“ Dann wandt sie sich endgültig ab und begab sich zur Nachtruhe.
Ich auch, dachte Celtas, als sie entschwunden war. Es war beängstigend, wie sehr ihn diese Frau durcheinander bringen konnte. Und das nur mit ein paar Worten.

Es dauerte noch lange, bis er sich auf seine Meditation eingestimmt hatte. Und selbst Stunden später wollte sich die rechte Tiefe immer noch nicht einstellen.

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