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Sieg über Enzo Commante

Mein Sieg über Enzo Commante

Praios‘ strafendem Blick entkommend, der wohl seiner Überheblichkeit, einen der größten Schwertmeister des Kontinents herauszufordern – und dem Versuch, sich selbst über einen Adligen hinauszustellen – zu verdanken hatte, stand Aljajin Tunajaar entspannt im Schatten einer mächtigen Tanne und wartete. Ein Storch zog seine Kreise über ihm und das leise Flattern seiner eleganten Schwingen erinnerte an das sanfte auf und ab des Wellenganges, wenn man am Strand spazieren geht. Ein leichter Wind wackelte an der Tanne, rauschte durch die umherstehenden Büsche und umspielte die einzelnen Grashalme. Aljajin ließ den Blick zum Himmel schweifen. Kaum eine Wolke versperrte den Praiosstrahlen den Blick zum Erdboden, die grüne Ebene lag in einem hellen, goldenen Glanze, als sei sie der Erzählung eines alten weisen Mannes entsprungen. Ein kleiner Bach plätscherte munterfröhlich neben einer kleinen Straße entlang und bog in einiger Entfernung in ein nahes Wäldchen ab. Tag und Ort waren perfekt. Heute würde er seinen ersten großen Schritt tun, um zum bekanntesten Schwertmeister Aventuriens zu werden. Lange könnte es nicht mehr dauern.

Praios‘ strafendem Blick entkommend, stand Aljajin Tunajaar unter einer mächtigen Tanne und wartete auf seinen Kontrahenten. Er hatte die Herausforderung öffentlich kundgetan und so waren einige Schaulustige zur Stelle, um sich den Zweikampf anzusehen. Derlei Kämpfe wurden zwar mit dem aufkommenden Schwertgesellentum immer häufiger, aber für die meisten einfachen leute dennoch ein spannendes Ereignis, für welches man durchaus einige Augenblicke opfern konnte. Zwei Schüler des Herausgeforderten waren bereits an Ort und Stelle und warteten ebenso gespannt, wie die Zuschauer. Selbstverständlich war ihnen klar, dass ihr Meister gegen diesen dahergelaufenen Lump in seiner schäbigen und zerissenen Kleidung, und seinen offenkundig seit Wochen nicht mehr gewaschenen Haaren keinesfalls verlieren konnte – genauer noch, war ihnen überhaupt nicht bewusst, warum er sich überhaupt auf einen Zweikampf mit dieser Made von Mann einließ – und so erwarteten sie, dass der Kampf nach wenigen Hieben beendet sein und dieser Möchtegern-Schwertkämpfer blutend oder tot im Gras liegen würde.

Es war still. Niemand sprach. Aljajin atmete tief und ruhig. Plätzlich wurden Stimmen laut. Nach und nach schwoll das einsetzende Getuschel zu einem wahren Orkan menschlicher Stimmgewalt an, als Enzo Commante das Feld betrat und mit lauten Jubelrufen und Beifall begrüßt wurde. Zielstrebig aber gelassen schritt der bekannte und gefeierte Schwertmeister über die Ebene und genau auf die einzelnstehende Tanne zu. Aljajin straffte seine Körperhaltung ein wenig und kam ihm entgegen. Enzo blieb stehen, als er etwa zehn Schritt entfernt war.
Hier bin ich, eurer Herausforderung gefolgt. Zur zehnten Stunde an der einsamen Tanne der südlichen Wegbiegung. Ein Kampf mit echten Waffen bis aufs erste Blut, das waren eure Worte richtig?“
Aljajin nickte nur. Er hatte mit dem Aussprechen der Herausforderung am gestrigen Tage bereits mehr Worte gemacht, als nötig.
„Seid ihr sicher, dass ihr es erneut versuchen wollt? Ihr scheint mir nicht dazugelernt zu haben, das würde ich auf den ersten Blick sehen. Erinnert euch, was das letze Mal geschehen ist!“
Aljajin ging nocheinmal den letzten Kampf gegen Enzo im Kopf durch. Er hatte sich stark gefühlt, als könne er es mit jedem aufnehmen, doch sobald der Kampf begonnen hatte, hatte er erkannt, dass er keinerlei Chance zum Sieg hatte. Enzo hatte mit ihm gespielt, ihn in jedwede denkbare Position gezwungen und sich Zeit gelassen. Irgendwann war dann endlich der letzte Schlag gekommen, der Aljajin, die Wange aufgeschlitzt hatte. Er hatte sich geschworen, diese Überheblichkeit wieder gutzumachen.
In der Zwischenzeit hatte er einiges dazugelernt und auch der Kampf selbst war ihm eine eigene Lektion gewesen, er fühlte sich bereit, es erneut zu versuchen. Er nickte. Enzo schien einen Moment zu zögern, dann nickte auch er und verneigte sich. Aljajin tat es ihm gleich. Gleichzeitig zogen sie ihre Waffen. Enzo holte seinen reich verzierten Anderthalbhänder aus zwergischer Fertigung unter seinem bunten Umhang hervor, Aljajin sein heißgeliebtes Tuzakmesser, das er seit dem ersten Tage seiner Ausbildung führte, das zwar weder so reich verziert noch aus so hervorragender Fertigung war, nichtsdestotrotz aber umso schärfer geschliffen und blank poliert. So verharrten sie einige Augenblicke, die jedem der beiden, wie auch den gaffenden Zuschauern wie Äonen erschienen, dann stürmten beide wie auf ein geheimes Zeichen hin aufeinander zu. Ihre Schwerter prallten laut klirrend aufeinander und unter einem mächtigen Ausruf der Überrachund, die die Menge von sich gab, stoben Funken zwischen den glänzenden Klingen hervor. Hieb um Hieb, Streich um Streich führten die beiden Widersacher, bis aufs Äußerste konzentriert und viele der Umherstehenden werden später gesagt haben, es wäre gewesen, als hätte die Göttin selbst mit ihrem Schatten gerungen. Außer Aljajin vermochte niemand zu erkennen, dass sich keinesfalls beide ebenbürtig waren, sondern dass er sich langsam aber sicher einen klaren Vorteil herausfocht, der letztendlich nur in der Niederlage des großen Enzo Commante enden konnte.
Es dauerte keine zwölf Dutzend Schläge, bis Aljajin endlich zum finalen Streich ausholte. Doch bevor er seinen Angriff beenden konnte, ließ Enzo sein Schwert sinken und sprach: „Wahrlich, diesen Tages ist euer Können dem meinen nahezu gleich. Wir sollten nicht weiter kämpfen und riskieren, dass einer von uns beiden durch einen unglücklichen Zufall doch ernstlich zu Schaden kommt – es wäre schade um solch hohe Kunst.“
Aljajin verstand diese in hübsche Worte geschmückte Kapitulation, ließ seine Waffe ebenfalls sinken und verneigte sich. Enzo nickte ihm ebenfalls zu, drehte sich auf der Stelle um und schritt zügig durch die Menge zurück zur Stadt.
So kam es, dass Aljajin Tunajaar den großen Schwertmeister Enzo Kommante im Zweikampf schlug. Sein Name sollte bald in aller Munde sein..